Milchfieber

Hypocalcämie bei der frisch abgekalbten Kuh wird im amerikanischen Sprachraum mit dem Begriff „downer cow syndrom“ beschrieben, die Kuh steht nicht oder nur sehr schlecht auf. Aber die festliegende Kuh ist nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Auch subklinisch erkrankten Tieren „geht es nicht gut“, sie haben kalte Ohren, sie ist nicht fit und das Schlimmste, sie fressen nicht! 

Hypocalcämie ist der „Türöffner“ („Gateway Disease“) für viele andere Krankheiten und Probleme. Oft beginnt so der „verpatzter“ Start in die neue Laktation! Neben dem Problem, genügend Calcium für die Milchbildung zu metabolisieren, fehlt es zusätzlich an Energie. Negative Folgen für den Energiestoffwechsel und das Immunsystem sind der Effekt (siehe Herdenmanager 2/2019).

Staufenbiel, Hypocalcämie und Gebärparese der Milchkuh

Hypocalcämie

Hypocalcämie (Milchfieber) ist die wahrscheinlich häufigste Stoffwechselerkrankung in Hochleistungsherden.

In deutschen Milchviehherden erkrankten in der 2. Laktation 29%, in der 3. Laktation 49,4% und ab der 4. Laktation 60,4% der frisch laktierenden Kühe bei einem Schwellenwert von 2mmol/L Ca im Blut an einer subklinischen Hypocalcämie (Venjakob, Borchardt & Heuwieser (J.Dairy Sci.100;2017). Amerikanische Studien zeigen ähnliche Ergebnisse, bei ca. 5% aller Mehrkalbskühe wird das Auftreten von klinischer, bei ca. 50% einer subklinischen Hypocalcämie beschrieben.

Fehlt notwendiges Calcium im tierischen Organismus, sind wichtige Prozesse in ihrer Funktion beeinträchtigt. Calcium spielt eine zentrale Rolle bei der Weiterleitung der Erregung von Nerven auf die Muskulatur. Calciummangel bewirkt eine geschwächte Muskelkontraktion, wodurch nicht nur der Bewegungsapparat negativ beeinflusst wird, sondern auch die Gebärmutter, der Pansen, der Zitzenschließmuskel, die Alveolen in der Milchdrüse und das Herz. Weiterhin wird Calcium benötigt, um Hormone und Sekrete auszuschütten und Botenstoffe für die Aktivierung des Immunsystems freizusetzen. Hypocalcämie hat einen sehr weitreichenden Einfluss auf den Gesamtorganismus, mit nachteiligen Folgen für Eutergesundheit, Fruchtbarkeit und Leistung.

Vor allem die Leistungsbereitschaft des Tieres aber auch das Alter, Haltung und Stress und natürlich die Gestaltung der Transitphase stehen in engem Zusammenhang mit dem Auftreten einer Hypocalcämie

Ein Ausblick in den Calciummetabolismus hilft die Milchfieber Problematik besser zu verstehen!

Die zentrale Rolle im Calciumstoffwechsel der Kuh nimmt das Parathormon ein. Parathormon wird in den Nebenschilddrüsen produziert. Bei einem Absinken des Calciumgehaltes im Blut wird Parathormon in vermehrtem Umfang an das Blutplasma abgegeben, um den Calciumgehalt im Blut anzupassen. Bei normalem Calciumgehalt im Blutplasma erfolgt eine kontinuierliche Sekretion von Parathormon, welches die Mobilisierung von Knochensubstanz fördert. Diese Funktion ist besonders während der Wachstumsphase von Bedeutung, denn hier wird in den Wachstumszonen der Knochen fortlaufend Knochensubstanz aufgelöst und wieder neu gebildet. Bei weit über den Bedarf hinausgehenden Ca- Gehalten in der Futterration wird die Sekretion von Parathormon stark eingeschränkt und die des Calcitonins erhöht. Infolgedessen wird die Mobilisierung von Knochensubstanz stark vermindert. Dies ist der Fall bei calciumhaltigen Futterrationen in der Close up Phase. mit dem Übergang von der Trächtigkeit zur Laktation bei hochleistenden Milchkühen werden besonders hohe Ansprüche an die Regulationsmechanismen der Nebenschilddrüsen gestellt. Die Sekretion von Parathormon bzw. von Calcitonin (bei Ca Überschuss) wird in großem Umfang vom Calciumgehaltgehalt der Ration beeinflusst. Durchschnittlich verliert eine Milchkuh in den ersten 30 Tagen der Laktation etwa 9 – 13% des im Skelett gespeicherten Calciums 

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Strategische Konzepte zur Prophylaxe der Hypocalcämie

Die Fütterung und Haltung der trockenstehenden Kuh muss immer ein systematisch geplantes Prophylaxeprogramm gegen Hypocalcämie sein! Die Anpassung an den sprunghaften Anstieg des Calciumbedarfs ist eine der größten Herausforderungen der Milchkuh.

  1. Einzeltier bezogene Maßnahmen
  • Orale Gaben von Ca und P als Drench, Bolus oder Kartusche, möglichst kurz vor der Kalbung und 12 + 24 Stunden nach der Kalbung, gebenenfalls Ca-Infusionen.
  • Intramuskuläre Gabe von 10 Mio IE Vitamin D3, 2 bis 8 Tage vor dem Kalben (plus die Maßnahmen 

Diese Vorgehensweise ist sehr zeit- und kostenaufwendig und lässt sich nicht wirklich als Prophylaxe bezeichnen, da durch diese Maßnahmen lediglich die unzureichende Verfügbarkeit von Ca durch eine tierindividuelle Verabreichung überbrückt wird, bis die Kuh durch eine gesteigerte Futteraufnahme und die Calciumhomöostase in der Lage ist, ihren Calciummetabolismus selbstständig zu regulieren.

  1. Klassische Maßnahme – Calciumarme Fütterung

In der Phase vor dem Abkalben ist der Bedarf an Calcium noch sehr gering. In Folge wird der Calciumhaushalt der Kuh deutlich heruntergefahren. Durch die Strategie der Kuh vor dem Kalben möglichst wenig Ca anzubieten, soll die Calciumhomöostase „trainiert“ werden: der Calciumstoffwechsel soll auf einem relativ hohen Niveau aufrecht erhalten bleiben. Calciumbinder sollen hier unterstützend wirken, doch führt der Einsatz oft zu einem Rückgang in der Futteraufnahme.

  • Calciumarme Fütterung mit einem Gesamtcalciumangebot <40g Ca/Kuh/Tag, enges Ca/P Verhältnis (<1:1) in der Trockenstehperiode
  • Einsatz eines Calciumbinders in der Futterration
  1. Kaliumarme Fütterung

Vermeidung einer metabolischen Alkalose durch den Verzicht auf Futtermittel mit hohem Gehalt an Kationen. Bei einer metabolischen Alkalose reagieren die Rezeptoren des Knochen- und Nierengewebes deutlich vermindert auf Parathormon. 

  • Kaliumarme Grundfuttermittel
  • Vermeidung von Viehsalz (NaCl) in den Trockensteherration
  1. Fütterung einer close up Ration mit negativem DCAD

Ein Anionenüberschuss in der Futterration führt zu einer metabolischen Azidose. Bei einem niedrigen pH-Wert reagieren die Rezeptoren in den Geweben deutlich besser auf Parathormon und Vitamin D3. Weiterhin fördert ein saurer pH-Wert im Dünndarm die Ca Resorption. Eine verstärkte Freisetzung von Calcium (und Phosphor) aus den Knochen ist die Folge.

Jesse P. Goff hat intensiv über Präventionsstrategien zur Bekämpfung von Hypocalcämie geforscht und den Einfluss einer metabolischen Azidose auf den Calciummetabolismus am anschaulichsten Beschrieben. Mit dem Schlüssel-Schloß Prinzip, erklärt Goff die Kaskade, die für die Freisetzung von Calcium aus den Knochen ablaufen muss. (Hormon-Rezeptor-Komplex)

Der in Abbildung 1 unter A gekennzeichnete Ablauf, stellt den Hormon-Rezeptor-Komplex in seinem Ablauf da. Bei einem Blut pH-Wert von 7,35 kann sich Parathormon an den Rezeptor anheften und unter dem Einfluss von Magnesium, das im Knochen austauschbare Calcium freisetzen. Dieses Schlüssel-Schloss Prinzip funktioniert in Abbildung B nicht, da der Blut pH-Wert zu hoch ist und Parathormon von den Rezeptoren nicht erkannt wird. In Abbildung C fehlt das notwendige Magnesium für diesen Prozess. Bei ausreichender Magnesiumversorgung bleibt der Blut pH-Wert die entscheidende Größe für den Calciumhaushalt.

Effektive Ansäuerung

An dieser Stelle wird sich der aufmerksame Leser fragen, warum die Methode der metabolischen Ansäuerung bisher nur in weniger als 10% der deutschen Milchviehbetriebe Einzug gehalten hat!

Die Antwort ist sehr einfach. Um Kühe effektiv anzusäuern, muss der Urin pH-Wert in einem Bereich von 5,5 bis 6,0 liegen. Um dieses Ergebnis zu erreichen ist die Aufwandmenge bei vielen Ansäuerungsprodukten so hoch, dass die Kuh die Futteraufnahme drastisch reduziert! Saure Salze sind nicht schmackhaft! Daher ist in der Vergangenheit auf vielen Betrieben der Versuch mit sauren Salzen zu arbeiten, wieder eingestellt worden. Seit einigen Jahren gibt es gecoatete Produkte auf dem Markt, die von Kühen relativ gut gefressen werden (HCS Close Up Konzentrat), doch wirken sie in der Regel nicht positiv auf die Futteraufnahme. Eine reduzierte Futteraufnahme in der Close up Periode ist für die Vorbereitung auf die kommende Laktation ein nicht hinnehmbarer Kompromiss! Jedes zusätzliche Kilogramm Trockensubstanzaufnahme in der Vorbereitungsfütterung sorgt für mehr Futteraufnahme direkt nach dem Kalben. 

Drei Wochen für die ganze Laktation – iLiquids

Seit einer Reise zu den Spitzenbetrieben der USA vor genau 23 Jahren, ist die Strategie, die Kuh in der Close up Periode anzusäuern, der wesentliche Baustein in der HCS Firmenphilosophie. Die Versuche, geeignete Ansäuerungsprodukte für den deutschen Markt zu finden, waren von unterschiedlichem Erfolg. Mit dem gecoateten Ammoniumchlorid HCS Close Up Konzentrat, war HCS über mehrere Jahre erfolgreich auf Betrieben vertreten. Heute setzt das flüssiges Ansäuerungsprodukt iLiquids neue Maßstäbe, mit dem wir die „Ansäuerung 4.0“ realisieren:

Tiefe, konstante Urin pH-Werte und eine Steigerung der Futteraufnahme!

ILiquids ist ein flüssiges Produkt auf Melassebasis. Es haftet an der gesamten Ration und kann nicht selektiert werden. Dadurch wird eine gleichmäßige und konstante Ansäuerung erreicht. Da die Chloride in dem Produkt in gelöster Form vorliegen, werden sie von der Kuh vollständig absorbiert. Durch spezifische Zusätze und Fermentationsprodukte kann zudem eine deutlich höhere Trockensubstanzaufnahme um den Abkalbetermin realisiert werden!

  • Weniger Gesundheitsprobleme
  • Weniger Medikamenteneinsatz
  • Weniger Abgänge
  • Mehr Milch!

Mit i-Liquids können erstmals die zwei wichtigsten Forderungen für eine effektive Ansäuerung in der Close-up Phase erfüllt werden: eine effektive Absenkung des Blut pH-Wertes in den optimalen Bereich plus einer Steigerung der Futteraufnahme. Damit kann der Calciumhaushalt der close-up Kühe optimal für die Abkalbung konditioniert werden. Kühe, die so vorbereitet sind, haben einen deutlich besseren Start in die neue Laktation mit mehr Calcium für die Milchbildung und weniger Gesundheitsproblemen. Der Grundstein für eine Laktation mit mehr Milch, besserer Gesundheit, weniger Medikamenteneinsatz und weniger Abgängen kann in den drei Wochen der close-up Phase gelegt werden.

Kurz gelesen:

  • Hypocalcämie ist der „Türöffner“ für die klassischen Frischabkalberprobleme
  • Ca – Überschuss in der Close up Ration führt zu einer starken Abnahme der Sekretion von Parathormon und einer Zunahme von Calcitonin. Die Calciummetabolismus der trockenstehenden Kuh kommt vor der Abkalbung zum Erliegen.
  • Ein Überschuss an Kalium und Natrium in der close up Ration führt zu einer metabolischen Alkalsose und das wiederum zu einer verminderten Fähigkeit von Knochen- und Nierengewebe auf Parathormon zu reagieren (Hormon – Rezeptor Komplex). Der Calciummetabolismus ist stark eingeschränkt.
  • Die Ansäuerung 3 Wochen vor der Kalbung hält den Calciumkreislauf in der Kuh auf einem hohen Niveau aufrecht, Parathormon und Vitamin D3 sind aktiviert!
  • Mit iLiquids werden Kühe tief und konstant angesäuert und die Futteraufnahme deutlich gesteigert.

Calciumhomöostase:

Der Calciumhaushalt wird bei der Absorption aus dem Darm, der Ausscheidung über die Niere sowie bei der Verteilung zwischen Skelett und Extrazellularraum durch Parathormon reguliert. Dabei ist die Stellgröße die Konzentration des freien, ionisierten Calciums im Plasma. Sinkt der Calciumspiegel ab, wird Parathormon aus der Nebenschilddrüse freigesetzt. Dieses fördert sowohl die Reabsorption des filtrierten Calciums in der Niere, als auch die Mobilisierung des Calciums aus dem Skelett. Im Magen-Darmtrakt wird die Bildung Ca-transportierender Proteine stimuliert, um die Ca-Resorption zu erhöhen. Die Verdaulichkeit des mit dem Futter aufgenommenen Ca wird dadurch verbessert. Weiterhin stimuliert Parathormon die Umwandlung von Vitamin D zum aktiven Vitamin D3-Hormon (1,25-Dihydroxycholecalciferol, Calcitriol) in der Niere. Weicht der Calciumspiegel nur geringfügig vom Normalwert ab, werden ausschließlich intestinale und renale Kompensationsmechanismus aktiviert Die Kuh scheidet weniger Ca. Bei stärkerem Calciumdefizit oder hohem Bedarf erfolgt auch eine Calciumfreisetzung aus dem Knochen.

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Futtermittel mit ihrem DCAD

Futtermittel mit einem hohen Kationen-Gehalt sind zum Beispiel Sojaextrationsschrot (> +300 meq/kg TM) sowie Grünfutter und deren Konservate. Dagegen besitzen Rapsextraktionsschrot (bis zu -600meq/kg) Biertreber und Körnermais einen hohen Gehalt an Anionen. Wegen einer hohen Variation der Makronährstoffe ist es unbedingt notwendig alle eingesetzten Futtermittel nasschemisch zu untersuchen.